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Objektpermanenz – Wenn Deine Katze die Welt versteht (und manchmal nicht)

Objektpermanenz ist eine grundlegende kognitive Fähigkeit. Sie beschreibt das Verständnis, dass Objekte weiterhin existieren, auch wenn wir sie nicht sehen können.

Bei menschlichen Säuglingen entwickelt sich diese Fähigkeit schrittweise über mehrere Monate hinweg. Forscher haben lange angenommen, dass auch Katzen dieses Verständnis haben – schließlich sind sie Jäger, deren Beute regelmäßig aus dem Sichtfeld verschwindet. Eine aktuelle Studie der Universität Sussex wirft jedoch neue Fragen auf.

Der Versuchsaufbau: Einfacher als gedacht, überraschender als erwartet

Die Forscher wollten verstehen, wie gut Katzen versteckte Objekte finden können. Im ersten Test (SVD – Single Visible Displacement) war die Aufgabe einfach: Der Manipulator zeigte der Katze ein Spielzeug, legte es offen in eine von zwei Kisten und forderte die Katze auf, es zu finden. Das ist Stadium 4 der Objektpermanenz – die Katze sieht, wohin das Objekt geht, und muss es abrufen.

Der zweite Test (IVD – Invisible Displacement) war subtiler. Hier nutzte die Forschergruppe ein sogenanntes Violation-of-Expectancy-Paradigma. Die Katze sah, dass das Spielzeug in eine Kiste gelegt wurde. Dann wurde eine kleine Barriere aufgestellt, und das Spielzeug wurde unsichtbar verschoben. Anschließend wurde das Spielzeug wieder sichtbar gemacht – entweder aus der gleichen Kiste (was die Katze erwartet hätte) oder aus einer anderen Kiste (eine Verletzung der Erwartung). Die Forscher beobachteten, wie lange die Katze das Spielzeug anschaute und wie sehr sie damit spielte.

Die Ergebnisse: Ein überraschendes Scheitern

Das erste Ergebnis war schockierend. Im SVD-Test – der einfachsten Version – fanden 56% der Katzen (10 von 18) das Spielzeug nicht. Noch überraschender: Von diesen zehn Katzen unternahmen 80% (acht Katzen) nicht einmal einen Suchversuch. Sie saßen einfach herum, obwohl frühere Studien gezeigt hatten, dass Katzen versteckte Objekte in aufeinanderfolgenden Tests abrufen können.

Keiner der getesteten Faktoren – weder das Geschlecht der Katze, noch ob sie im Freien Zugang hatte, noch die Rasse – konnte vorhersagen, ob eine Katze das Spielzeug finden würde. Selbst die Vertrautheit mit dem Manipulator (Halter vs. Forscher) spielte keine signifikante Rolle.

Im IVD-Test zeigten sich noch überraschendere Muster. Entgegen der Erwartung spielten Katzen mehr mit dem Spielzeug in den konsistenten Trials (wenn das Spielzeug aus der erwarteten Kiste kam) als in den Verletzungs-Trials (wenn es unerwartet war). Das ist das Gegenteil dessen, was bei menschlichen Säuglingen und Hunden beobachtet wird, die länger auf überraschende Ereignisse schauen.

Was bedeutet das wirklich?

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Katzen möglicherweise nicht so gut versteckte Objekte verstehen, wie wir angenommen haben. Es gibt mehrere mögliche Erklärungen. Erstens könnte es sein, dass Katzen einfach nicht durch Spielzeug motiviert sind – im Gegensatz zu Hunden oder Primaten, die in ähnlichen Tests besser abschneiden. Wenn das Spielzeug durch Futter ersetzt würde, könnten die Ergebnisse ganz anders aussehen.

Zweitens könnte die Anwesenheit eines unbekannten Forschers in der Wohnung der Katze zu Stress führen, der ihre kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt. Katzen sind bekannt dafür, empfindlich auf Veränderungen in ihrer Umgebung zu reagieren. Ein Fremder könnte die Katze so ablenken, dass sie nicht in der Lage ist, sich auf die Aufgabe zu konzentrieren.

Drittens ist es möglich, dass Katzen einfach anders denken als Menschen oder Hunde. Vielleicht verlassen sich Katzen bei der Jagd nicht auf ein mentales Modell eines versteckten Objekts, sondern auf andere Strategien – wie Geruchsspuren oder Geräusche. Das würde erklären, warum sie in kontrollierten Labortests schlecht abschneiden, aber in der freien Natur effektive Jäger sind.

Die Komplexität der Vertrautheit

Ein faszinierender Aspekt dieser Studie ist die Rolle der Vertrautheit. Die Forscher erwarteten, dass Katzen besser abschneiden würden, wenn ihr Mensch den Test durchführte, im Vergleich zu einem Fremden. Teilweise stimmte das – Katzen zeigten mehr Verhalten, das auf das Spielzeug ausgerichtet war, wenn der eigene Mensch beteiligt war. Aber diese Vertrautheit half nicht, das Spielzeug tatsächlich zu finden.

Das wirft eine wichtige Frage auf: Wie testen wir Katzenkognition wirklich? Wenn die Anwesenheit eines Fremden die Leistung beeinträchtigt, dann könnten viele bisherige Studien zur Katzenkognition die wahren Fähigkeiten unterschätzen. Gleichzeitig könnte es sein, dass Katzen einfach weniger motiviert sind, in kontrollierten Situationen zu arbeiten – ein Phänomen, das manchmal als "Katzen-Unabhängigkeit" beschrieben wird, aber möglicherweise eher eine Frage der Motivation ist.

Grenzen und offene Fragen

Diese Studie hat Grenzen, die wichtig zu beachten sind. Die Stichprobe war klein (18 Katzen), und alle Katzen stammten aus einem geografischen Gebiet. Es ist möglich, dass andere Katzen – mit unterschiedlichen Erfahrungen oder Rassen – anders abschneiden würden.

Außerdem wurde ein Spielzeug als Reiz verwendet. Katzen könnten völlig anders reagieren, wenn das Objekt Futter wäre – etwas, das für sie biologisch relevanter ist. Die Forscher selbst weisen darauf hin, dass frühere Studien mit Futter bessere Ergebnisse zeigten, aber diese Studien hatten andere methodische Probleme.

Schließlich ist unklar, ob das Scheitern der Katzen ein echtes kognitives Unvermögen widerspiegelt oder einfach ein Motivationsproblem in einer künstlichen Testsituation. Katzen sind bekannt dafür, dass sie weniger kooperativ sind als Hunde – nicht weil sie weniger intelligent sind, sondern weil sie weniger evolutionären Druck hatten, sich menschlichen Wünschen anzupassen.

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UPDATE 2025: Neue Methode bestätigt Komplexität – und wirft neue Fragen auf

Nur wenige Monate nach der Sussex-Studie veröffentlichten Forman, Rowe und Leavens (2025) eine Folgestudie mit einer völlig neuen Methode: dem Violation-of-Expectancy Paradigma. Dieses Verfahren wurde bei menschlichen Säuglingen und Hunden erfolgreich eingesetzt – und nun auch bei Katzen getestet.

Die neue Methode: Statt Katzen zu zwingen, nach versteckten Objekten zu suchen, beobachteten die Forscher, wie lange Katzen auf überraschende Ereignisse schauten. Die Logik: Wenn eine Katze versteht, dass ein Objekt in Kiste A versteckt wurde, und dann sieht, dass das Objekt aus Kiste B herauskommt (wo es nicht sein sollte), wird sie länger hinschauen – weil das Ereignis ihre Erwartung verletzt.

Das überraschende Ergebnis: Katzen zeigten das Gegenteil des erwarteten Musters. Sie spielten mehr mit dem Spielzeug in den konsistenten Trials (wenn das Spielzeug aus der erwarteten Kiste kam) als in den Verletzungs-Trials. Das ist nicht nur anders als bei Hunden und Menschen – es ist das genaue Gegenteil.

Interpretation: Das könnte bedeuten, dass Katzen nicht nach Überraschung reagieren wie andere Tiere. Stattdessen könnten sie nach Bestätigung reagieren. Wenn das Spielzeug aus der erwarteten Kiste kommt, ist das eine Bestätigung ihrer Vorhersage – und das macht sie glücklicher und spielfreudiger. Wenn das Spielzeug unerwartet aus der anderen Kiste kommt, könnte das Verwirrung auslösen, die das Spielverhalten hemmt statt es zu verstärken.

Was das wirklich bedeutet: Diese beiden Studien zusammen zeichnen ein neues Bild: Katzen verstehen möglicherweise Objektpermanenz – aber sie denken anders darüber als andere Tiere. Sie reagieren nicht auf Überraschung, sondern auf Bestätigung. Und sie sind weniger motiviert, in künstlichen Testsituationen zu arbeiten, selbst wenn sie den Mensch kennen.

  • https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0312225
  • https://www.mdpi.com/2076-2615/14/17/2604

Originalquelle

Titel: Triana & Pasnak (1981): Object permanence in cats and dogs
Autoren: E. Triana, R. Pasnak
Journal: Animal Learning & Behavior
Veröffentlichung: 1981
DOI: 10.3758/BF03197726

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