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Verhalten

Binden sich Katzen wirklich an uns? Was ein klassischer Bindungstest zeigt

"Katzen sind doch sowieso nicht wirklich bindungsfähig" – diesen Satz hört man oft. Aber stimmt das? Kappel und Kolleg:innen sind dieser Frage 2025 mit einem wissenschaftlichen Ansatz nachgegangen, der ursprünglich aus der Säuglingsforschung stammt.

Was die Forscher untersucht haben

Das Team adaptierte den sogenannten Strange Situation Test – ein Verfahren, das ursprünglich von Mary Ainsworth entwickelt wurde, um Bindungsverhalten bei Kleinkindern zu untersuchen. Für die Studie wurde er auf Katzen angepasst und – wichtig – in der vertrauten Umgebung der Tiere durchgeführt, also zu Hause oder im Tierheim, um Stress durch fremde Umgebungen zu minimieren.

Insgesamt nahmen 82 Katzen teil: 67 aus Privathaushalten und 15 aus Tierheimen. Das Protokoll bestand aus fünf Phasen mit Anwesenheit, Trennung und Wiedervereinigung mit der Bezugsperson. Sieben bindungsrelevante Verhaltensweisen wurden systematisch erfasst, darunter Erkundungsverhalten, Spielverhalten, Körperkontakt, passives Verhalten und Lautäußerungen. Die Studie erschien im Fachjournal Animals.

Was dabei herauskam

Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Katzen aus Privathaushalten zeigten in dieser Untersuchung mehr Erkundungs- und Spielverhalten – besonders nach der Wiedervereinigung mit ihrer Bezugsperson. Das gilt in der Bindungsforschung als Zeichen für sicheres Bindungsverhalten: Wer sich sicher fühlt, kann entspannt erkunden.

Tierheimkatzen verhielten sich insgesamt passiver, schnurrten nach der Wiedervereinigung häufiger und miauten verstärkt bei Trennung und Wiedersehen. Die Forscher vermuten, dass das auf erhöhten Stress und ein verändertes Bindungsmuster hindeutet – möglicherweise eine Art Komfort suchendes Verhalten in einer weniger stabilen Umgebung.

Interessant: In beiden Gruppen stieg der körperliche Kontakt nach Trennungsphasen an – ein Hinweis darauf, dass Katzen die Bezugsperson durchaus als sozialen Anker nutzen, unabhängig davon, wo sie leben.

Was das für Dich als Katzenhalter bedeutet

Diese Studie legt nahe, dass Katzen sehr wohl Bindungen eingehen – und dass die Lebensumgebung dabei eine wichtige Rolle spielt. Eine stabile, vertraute Umgebung und eine verlässliche Bezugsperson scheinen das Sicherheitsgefühl der Katze zu stärken.

Für Tierheimkatzen bedeutet das: Der Übergang in ein neues Zuhause ist wahrscheinlich mit echtem Stress verbunden – nicht weil die Katze "schwierig" ist, sondern weil sie sich erst neu orientieren muss. Geduld und Verlässlichkeit in der ersten Zeit sind daher keine nette Geste, sondern echte Bindungsarbeit.

Und für alle, die schon lange mit einer Katze zusammenleben: Vielleicht ist das nächste Mal, wenn sie nach Deiner Rückkehr kurz schnurrt und dann entspannt weiterspielt, kein Zeichen von Gleichgültigkeit – sondern von Vertrauen.

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Quelle: Kappel et al. (2025). Impact of Living Environment on Attachment Behaviour in Domestic Cats from Private Homes and Shelters. Animals.

Originalquelle

Titel: Impact of Living Environment on Attachment Behaviour in Domestic Cats from Private Homes and Shelters
Autoren: Kappel et al.
Journal: Animals
Veröffentlichung: 2025
DOI: 10.3390/ani15243521

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