Katze sitzt auf wissenschaftlichen Journalen
Ausgabe 19 / 2026
4 Studien

Zahlenverständnis, Unsauberkeit und Jagdverhalten: Neue Erkenntnisse über Katzenkognition und Verhalten

Können Katzen Mengen unterscheiden? Warum Deine Katze unsauber wird – es ist meist nicht die Toilette. Und wie viel Beute bringt Deine Katze wirklich mit? Vier neue Studien über Katzenkognition, Verhalten und Stressmanagement.

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Zahlenverständnis bei Katzen und Hunden – Wer ist die bessere Mathematikerin?

Katzen können Mengen unterscheiden – aber nicht so gut wie Hunde. Eine neue Studie zeigt: Der Unterschied liegt nicht an der Intelligenz, sondern an der Evolution.

Stell Dir vor, Du hast zwei Schüsseln Futter vor Dir. In der einen sind drei Portionen, in der anderen fünf. Du würdest sofort die größere Portion wählen. Aber wie funktioniert das bei Katzen und Hunden?

Forscher der Universität Barcelona haben genau das getestet – mit einer cleveren Methode. Sie zeigten 26 Katzen und 28 Hunden zwei Schüsseln mit unterschiedlichen Futtermengen. Die Tiere konnten frei wählen. Das Ergebnis war überraschend: Hunde wählten die größere Portion konsistent und zuverlässig. Katzen taten das nicht.

Aber hier wird es interessant. Die Forscher testeten auch, ob Katzen und Hunde zwischen Formen unterscheiden können – wenn die Schüsseln unterschiedliche Größen hatten, aber die gleiche Futtermenge enthielten. Hier zeigten sich völlig neue Muster. Hunde und Katzen reagierten unterschiedlich auf die gleiche Situation, je nachdem, ob es um Menge oder Form ging.

Das deutet darauf hin, dass Katzen und Hunde unterschiedliche Strategien nutzen, um Entscheidungen zu treffen. Hunde scheinen mehr auf die absolute Menge zu achten. Katzen achten möglicherweise mehr auf andere Faktoren – wie die Oberfläche oder die Verteilung des Futters.

Warum dieser Unterschied? Die Antwort liegt in der Evolution. Hunde wurden über Tausende von Jahren gezüchtet, um mit Menschen zusammenzuarbeiten und Ressourcen zu teilen. Das bedeutet: Hunde mussten lernen, Mengen zu vergleichen, um sicherzustellen, dass sie einen fairen Anteil bekommen. Katzen hingegen wurden nicht wirklich "gezüchtet" – sie haben sich selbst domestiziert, indem sie in der Nähe menschlicher Siedlungen lebten. Sie brauchten nicht zu lernen, Mengen zu vergleichen, weil sie ihre Beute einzeln jagten.

Das ist kein Zeichen dafür, dass Katzen weniger intelligent sind. Es zeigt einfach, dass Intelligenz spezialisiert ist. Katzen sind brillant darin, einzelne Beute zu verfolgen und zu fangen. Hunde sind brillant darin, in Gruppen zu arbeiten und Ressourcen zu teilen.

ORIGINALQUELLE

Titel: Continuous or discrete magnitudes? A comparative study between cats, dogs and humans

Autoren: Mireia Solé Pi, Luz A. Espino, Péter Szenczi, Marcos Rosetti, Oxána Bánszegi

Journal: PLOS ONE

Veröffentlichung: 2025

Link: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0331924

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Wenn Deine Katze unsauber wird – Es ist meist nicht die Toilette, sondern die Beziehung

Unsauberkeit ist das Nummer-eins-Grund, warum Katzen ins Tierheim kommen. Aber die Forschung zeigt: Das Problem liegt meist nicht an der Katzentoilette, sondern an der sozialen Umgebung.

Deine Katze pinkelt plötzlich auf die Couch. Der Tierarzt findet nichts Organisches. Du fragst Dich: Was ist los mit meiner Katze?

Eine große Studie mit 245 Katzenhaltern hat genau diese Frage untersucht. Die Forscher teilten die Katzen in drei Gruppen ein: Kontrolltiere (keine Probleme), Katzen mit Markierungsverhalten (spritzen gezielt an Wänden) und Katzen mit Latrinenproblemen (urinieren oder defäkieren außerhalb der Toilette). Dann analysierten sie 41 mögliche Risikofaktoren.

Das überraschende Ergebnis: Die physische Umgebung war nicht der Hauptfaktor. Die Eigenschaften der Katzen-Toilette – Größe, Typ, Reinigung – spielten fast keine Rolle. Stattdessen waren die wichtigsten Risikofaktoren sozial:

  • Mehrkatzen-Haushalt: Katzen in Mehrkatzen-Haushalten zeigten deutlich mehr Unsauberkeit
  • Katzenpersönlichkeit: Ängstliche Katzen hatten mehr Probleme
  • Abhängigkeit vom Halter: Katzen mit starker emotionaler Bindung zum Halter hatten weniger Probleme
  • Freizugang: Katzen mit Zugang nach draußen zeigten mehr Markierungsverhalten

Das deutet auf etwas Tieferes hin: Unsauberkeit ist oft ein Stresszeichen. Wenn eine Katze sich in ihrer sozialen Umgebung unwohl fühlt – weil eine andere Katze dominant ist, weil der Halter gestresst ist, oder weil sich die Routine verändert hat – kann sie anfangen, außerhalb der Toilette zu urinieren.

Ein faszinierender Befund: Katzen mit Latrinenproblemen versuchten weniger oft, ihre Urin zu bedecken. Das ist ein klassisches Zeichen dafür, dass die Katze nicht versucht zu verstecken, was sie getan hat – sie markiert bewusst. Das ist ein Stresszeichen, nicht einfach ein Toilettenproblem.

Was Du tun kannst: Wenn Deine Katze unsauber wird, ist der erste Schritt ein Tierarzt-Besuch, um medizinische Probleme auszuschließen. Aber wenn alles medizinisch in Ordnung ist, schau auf die soziale Umgebung. Gibt es Konflikte mit anderen Katzen? Ist Dein Haushalt gestresst? Hat sich die Routine verändert? Oft reichen kleine Veränderungen – mehr Ruheplätze, eine zusätzliche Toilette, regelmäßiges Spielen – um das Problem zu lösen.

ORIGINALQUELLE

Titel: Common Risk Factors for Urinary House Soiling (Periuria) in Cats and Its Differentiation

Autoren: Ana Maria Barcelos, Kevin McPeake, Nadja Affenzeller, Daniel Simon Mills

Journal: Frontiers in Veterinary Science

Veröffentlichung: 2018

Link: https://www.frontiersin.org/journals/veterinary-science/articles/10.3389/fvets.2018.00108/full

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Die Jagdstatistik – Wie viel Beute bringt Deine Katze wirklich mit?

Deine Katze bringt Dir ein Vogel. Du fragst Dich: Wie viele Tiere jagt sie noch, die ich nicht sehe? Eine britische Studie mit 553 Katzen hat endlich Zahlen dazu.

Die Forscher haben 553 Katzen in Großbritannien über bis zu 43 Monate verfolgt. Jedes Mal, wenn eine Katze Beute nach Hause brachte, wurde es registriert. Das Ergebnis war überraschend – und beunruhigend.

Die Zahlen:

Die durchschnittliche britische Katze bringt zwischen 0 und 1 Beute pro Monat mit. Klingt nicht viel, oder? Aber hochgerechnet auf alle 10,8 Millionen Hauskatzen in Großbritannien bedeutet das: 37 bis 140 Millionen Tiere werden jährlich von Katzen nach Hause gebracht.

Aber hier wird es interessant: Die Verteilung ist extrem ungleich. Die meisten Katzen bringen wenig oder gar nichts mit. Aber eine kleine Gruppe – die Forscher nannten sie "Super Predators" – bringt über 15 Tiere pro Monat mit. Nur 3 Katzen in der gesamten Studie waren solche Super Predators, aber sie verantworteten einen großen Teil der Gesamtbeute.

Welche Faktoren beeinflussen die Jagdrate?

Die Forscher fanden mehrere signifikante Faktoren:

  • Geschlecht: Männliche Katzen jagten mehr als weibliche
  • Alter: Mittelalte Katzen (3-8 Jahre) jagten am meisten
  • Körperbau: Schlanke Katzen jagten mehr als übergewichtige
  • Katzenflap: Katzen mit Zugang über eine Katzenklappe jagten mehr
  • Glocke: Katzen mit Glocke jagten weniger (überraschenderweise nicht signifikant weniger, aber dennoch messbar)
  • Jahreszeit: Im Sommer mehr Jagd, im Winter weniger
  • Urbanisierung: In städtischen Gebieten mehr Jagd

Was wurde gejagt?

83% der Beute waren Säugetiere (hauptsächlich Mäuse und Spitzmäuse), 17% waren Vögel und andere Tiere. Interessanterweise: Spitzmäuse wurden oft ganz nach Hause gebracht, während Mäuse oft teilweise aufgegessen wurden. Das deutet darauf hin, dass Mäuse schmackhafter sind als Spitzmäuse.

Die wichtigste Erkenntnis: Diese Zahlen zeigen, wie viel Beute nach Hause gebracht wird – nicht, wie viel Beute Katzen wirklich jagen. Frühere Studien mit Kamerakragen zeigten, dass Katzen 4-5 mal mehr Tiere fangen, als sie nach Hause bringen. Das bedeutet: Die echte Jagdrate könnte noch viel höher sein.

Wenn Deine Katze Freigang hat, muss Dir klar sein, dass sie auch jagen wird. Das ist keine Bösartigkeit, das ist ihre Natur. Wenn Du das verstehst, kannst Du Deine Katze besser unterstützen – durch Spielen, Enrichment und mentale Herausforderungen, die ihren natürlichen Jagdtrieb erfüllen und kanalisieren.

ORIGINALQUELLE

Titel: What the Cat Dragged in: Quantifying Prey Return Rates of Pet Cats (Felis catus) With Outdoor Access in the UK

Autoren: H L Lockwood, M Bulling, M Huck

Journal: Ecology and Evolution

Veröffentlichung: 2025

Link: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11884926/

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Wenn Deine Katze gestresst ist – Forscher können es jetzt im Blut messen

Stress hinterlässt chemische Fingerabdrücke. Wissenschaftler können jetzt Dopamin und Serotonin im Blut messen – und damit feststellen, ob Deine Katze wirklich gestresst ist.

Deine Katze sitzt angespannt in der Ecke. Sie geht nicht auf die Toilette. Sie leckt sich ständig. Der Tierarzt findet nichts Organisches. Aber Du weißt: Etwas stimmt nicht.

Das Problem: Stress bei Katzen ist schwer zu messen. Du kannst nicht einfach fragen, wie sich Deine Katze fühlt. Aber Forscher haben jetzt eine Lösung gefunden: Neurotransmitter-Biomarker.

Eine Studie von Gülersoy und Kollegen untersuchte Katzen mit idiopathischer Zystitis – eine Erkrankung, die eng mit Stress verbunden ist. Die Forscher maßen drei Neurotransmitter: Cortisol (das klassische Stresshormon), Serotonin (das "Glückshormon") und Dopamin (das Motivationshormon).

Das überraschende Ergebnis: Katzen mit Zystitis hatten signifikant höhere Serotonin-Werte im Urin. Das klingt kontraintuitiv – sollte Stress nicht zu niedrigerem Serotonin führen?

Die Forschenden erklären sich das so: Wenn eine Katze chronisch gestresst ist, reagiert ihr Nervensystem mit einer Überaktivierung. Das Serotonin-System wird überaktiv, um zu versuchen, den Stress zu kompensieren. Das ist wie ein Alarm, der ständig läutet – das System ist überlastet.

Noch spannender sind die Dopaminwerte: Die Dopamin-Werte im Blut konnten zwei Arten von Zystitis unterscheiden:

  • Stressbedingte Zystitis (idiopathisch)
  • Infektiöse Zystitis (bakteriell)

Das bedeutet: Bald könnte ein einfacher Bluttest zeigen, ob Deine Katze stressbedingte oder infektiöse Probleme hat. Das würde die Behandlung völlig verändern.

Was das für Dich bedeutet:

Wenn Deine Katze immer wieder Probleme zeigt – etwa Zystitis, Unsauberkeit oder übermäßiges Putzen – steckt dahinter häufig mehr als nur ein „Verhaltensproblem“. In vielen Fällen handelt es sich um biologische Stressreaktionen des Körpers. Und genau dort kannst Du ansetzen. Nämlich:

  • Umgebung: Schaffe ruhige Rückzugsorte
  • Routine: Halte eine konsistente Tagesroutine
  • Spielzeit: Regelmäßiges Spielen reduziert Stress
  • Mehrkatzen-Konflikte: Wenn Du mehrere Katzen hast, stelle sicher, dass jede ihre eigenen Ressourcen hat

ORIGINALQUELLE

Titel: Diagnostic effectiveness of stress biomarkers in cats with feline interstitial and bacterial cystitis

Autoren: Erdem Gülersoy, Mehmet Maden, Tuğba Melike Parlak, Zafer Sayin

Journal: Veterinary Clinical Pathology

Veröffentlichung: 2023

Link: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/vcp.13173

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