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Evolution

Domestikation – Wie Wildkatzen zu Hauskatzen wurden

Eine genetische Studie von Driscoll und Kollegen hat DNA von fast 1.000 Wildkatzen und Hauskatzen analysiert. Das Ergebnis: Alle modernen Hauskatzen stammen von der Afrikanischen Wildkatze (Felis silvestris lybica) ab. Und die Domestikation begann vor etwa 9.500 Jahren – nicht in Ägypten, sondern im Fruchtbaren Halbmond.

Die Studie auf einen Blick
FRAGESTELLUNGVon welcher Wildkatzenart stammen alle modernen Hauskatzen ab? Wann und wo begann die Domestikation?
TEILNEHMERDNA-Analyse von ~979 Wildkatzen und Hauskatzen aus südlicher Afrika, Asien, Nahost und Europa
VERSUCHSAUFBAUGenetische Sequenzanalyse und Clustering. Vergleich von DNA-Mustern zwischen Wildkatzen verschiedener Regionen und modernen Hauskatzen. Archäologische Evidenz zur Datierung.
ERGEBNISAlle Hauskatzen clusterten genetisch mit F. silvestris lybica (Afrikanische Wildkatze). Domestikation begann ~9.500 Jahre ago (Zypern). Ägypten war erste aktive Zucht, nicht erste Domestikation.

Lange Zeit dachten Wissenschaftler, dass die alten Ägypter die ersten waren, die Katzen domestizierten – vor etwa 3.600 Jahren. Aber das ist nur die halbe Geschichte. Die Wahrheit ist älter, komplizierter und faszinierender.

Eine genetische Studie von Driscoll, Clutton-Brock, Kitchener und O'Brien (2009) hat DNA von fast 1.000 Wildkatzen und Hauskatzen analysiert – aus Afrika, dem Nahen Osten, Asien und Europa. Das Ergebnis: Alle modernen Hauskatzen stammen von einer einzigen Wildkatzenart ab: der Afrikanischen Wildkatze (Felis silvestris lybica).

Wann begann die Domestikation wirklich?

Die genetische Analyse zeigt, dass die Domestikation nicht in Ägypten begann – sondern viel früher, im Fruchtbaren Halbmond (heutiger Irak, Syrien, Libanon, Israel/Palästina). Archäologische Funde deuten darauf hin, dass Katzen vor etwa 9.500 Jahren bereits mit Menschen lebten – auf Zypern wurde eine 9.500 Jahre alte Grabstätte gefunden, in der eine Katze neben einem Menschen begraben war.

Das ist etwa 5.000 bis 6.000 Jahre vor den ältesten ägyptischen Darstellungen von Katzen.

Was machten die Ägypter dann?

Die Ägypter waren nicht die ersten, die Katzen domestizierten – aber sie waren die ersten, die Katzen aktiv züchteten. Und sie nahmen das sehr ernst. Katzen wurden zur Göttin Bastet erklärt. Millionen von Katzen wurden mumifiziert und in der heiligen Stadt Bubastis begraben. Das war nicht nur eine kulturelle Obsession – es war ein massives Zuchtprogramm.

Ein wichtiger Unterschied zu anderen Haustieren

Hier kommt etwas Faszinierendes: Katzen behielten ihre Unabhängigkeit. Anders als Hunde, Schafe oder Rinder, die durch Domestikation stark verändert wurden, blieben Katzen verhaltensmäßig relativ unverändert. Sie behielten ihre Jagdfähigkeiten, ihre Unabhängigkeit und ihre Fähigkeit, wild zu leben.

Das bedeutet: Katzen domestizierten sich selbst. Sie kamen zu den Menschen, weil es dort Mäuse gab (die Menschen lagerten Getreide). Die Menschen, die Katzen toleriert haben, hatten weniger Schädlinge. Über Generationen hinweg entstand eine gegenseitig vorteilhafte Beziehung – aber Katzen behielten ihre Freiheit.

Die genetische Signatur

Die Genetik zeigt auch, dass die Domestikation relativ 'oberflächlich' war. Es gab keine massiven genetischen Veränderungen wie bei Hunden. Stattdessen gab es kleine, subtile Veränderungen – wahrscheinlich in Genen, die mit Temperament und Angst zu tun haben. Katzen wurden weniger ängstlich vor Menschen, aber nicht grundlegend verändert.

Warum ist das spannend?

Die Geschichte der Katze ist eine Geschichte der gegenseitigen Wahl, nicht der Unterwerfung. Menschen wollten Katzen, aber Katzen wollten auch Menschen – weil es für beide vorteilhaft war. Und diese gegenseitige Wahl hat sich bis heute erhalten. Deine Katze ist nicht 'domestiziert' im selben Sinne wie ein Hund – sie hat sich entschieden, mit Dir zu leben.

Originalquelle

Titel: The Taming of the Cat
Autoren: Carlos A Driscoll, Juliet Clutton-Brock, Andrew C Kitchener, Stephen J O'Brien
Journal: Scientific American
Veröffentlichung: 2009
DOI: 10.1038/scientificamerican0609-68