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Deep-Dive Artikel
Kommunikation

Mimikry bei Katzen: Wie Deine Katze unbewusst Dein Gesicht nachahmt

Katzen sind Meister der emotionalen Ansteckung. Eine neue Studie zeigt: Wenn Deine Katze Dich anschaut, ahmt sie Deine Gesichtsausdrücke nach – und das ist ein Zeichen echter emotionaler Bindung.

Die Studie auf einen Blick
FRAGESTELLUNGZeigen Katzen schnelle Gesichtsmimikry? Unterscheidet sich die Mimikry zwischen freundlichen und nicht-freundlichen Interaktionen?
TEILNEHMER53 Hauskatzen (27 weiblich, 26 männlich), alle kastriert/sterilisiert, aus einem Katzencafé in Los Angeles
VERSUCHSAUFBAUCatFACS (Feline Facial Action Coding System) – manuelles Kodieren von Gesichtsbewegungen; automatische Erkennung von 48 Gesichtslandmarken; Messung von Mimikry-Ereignissen innerhalb von 1 Sekunde. 186 Kommunikationsereignisse zwischen Katzen, aufgezeichnet von August 2021 bis Juni 2022
ERGEBNISKatzen zeigen signifikant mehr schnelle Gesichtsmimikry in freundlichen Interaktionen als in nicht-freundlichen (p < 0,005). Ohrbewegungen (EAD103, EAD104) sind die am häufigsten nachgeahmten Bewegungen.

Katzen sind Meister der emotionalen Ansteckung. Eine neue Studie zeigt: Wenn Deine Katze Dich anschaut, ahmt sie Deine Gesichtsausdrücke nach – und das ist ein Zeichen echter emotionaler Bindung. Hast Du schon bemerkt, dass Deine Katze manchmal den gleichen Gesichtsausdruck zu haben scheint wie Du? Wenn Du entspannt bist, wirkt sie entspannt. Wenn Du angespannt bist, scheint sie es auch zu sein. Das ist kein Zufall. Forscher haben entdeckt, dass Katzen – wie viele andere Säugetiere – eine Fähigkeit namens "Rapid Facial Mimicry" (schnelle Gesichtsmimikry) besitzen. Das bedeutet: Sie ahmen die Gesichtsausdrücke anderer Katzen (und möglicherweise auch ihrer Menschen) nach, und zwar in weniger als einer Sekunde.

Was ist Rapid Facial Mimicry?

Stell Dir vor, Du sitzt neben jemandem und schaust ihn an. Ohne dass Du es bewusst merkst, imitierst Du seinen Gesichtsausdruck. Wenn er lächelt, lächelst Du. Wenn er die Stirn runzelt, runzelst Du auch die Stirn. Das ist Mimikry – und es passiert automatisch, in weniger als einer Sekunde.

Dieses Phänomen wurde bei Menschen, Primaten, Hunden und anderen Tieren beobachtet. Es ist eng mit Empathie, emotionaler Ansteckung und sozialer Bindung verbunden. Wenn zwei Individuen sich mimikry, teilen sie nicht nur einen Moment – sie teilen auch Emotionen. Das ist einer der Gründe, warum Lachen ansteckend ist und warum wir uns zu Menschen hingezogen fühlen, die unsere Gefühle zu verstehen scheinen.

Aber Katzen? Das war lange Zeit unklar. Katzen gelten als unabhängig, manchmal sogar als emotional distanziert. Die neue Studie zeigt: Das ist ein Missverständnis.

Der Versuchsaufbau: Wissenschaftliche Präzision trifft Katzenkommunikation

Die Forscher beobachteten Katzen in einem Katzencafé in Los Angeles – einer Umgebung, in der Katzen natürlich miteinander interagieren. Sie filmten 186 Kommunikationsereignisse zwischen Katzen und analysierten sie mit zwei verschiedenen Methoden.

Die erste Methode war das CatFACS (Feline Facial Action Coding System). Das ist ein System, das ursprünglich für Menschen entwickelt wurde (FACS – Facial Action Coding System), aber auf Katzen angepasst wurde. Geschulte Beobachter schauten sich die Videos an und kodierten jede einzelne Gesichtsbewegung – jede Ohrbewegung, jede Mundöffnung, jede Augenveränderung. Das ist extrem zeitaufwändig, aber sehr genau.

Die zweite Methode war automatisierte Gesichtserkennung. Die Forscher nutzten Künstliche Intelligenz, um 48 spezifische Punkte auf dem Katzengesicht zu identifizieren – sogenannte "Landmarks". Diese Punkte markieren wichtige Strukturen wie die Augenwinkel, die Ohrenspitzen und die Mundwinkel. Durch die Verfolgung dieser Punkte über die Zeit hinweg konnten die Forscher automatisch Gesichtsbewegungen erkennen.

Dann definierten die Forscher "Rapid Facial Mimicry" präzise: Eine Katze ahmte eine andere Katze nach, wenn sie die gleiche Gesichtsbewegung innerhalb von einer Sekunde nach der anderen Katze zeigte. Sie entwickelten zwei Messwerte: RMsize (wie viele Mimikry-Ereignisse es gab) und RMratio (wie viele dieser Ereignisse exakte Kopien waren im Vergleich zu ähnlichen Bewegungen).

Die Ergebnisse: Mimikry als Zeichen der Bindung

Die Ergebnisse waren eindeutig und überraschend. Katzen zeigten signifikant mehr schnelle Gesichtsmimikry in freundlichen Interaktionen als in nicht-freundlichen. Der Unterschied war statistisch sehr stark (p < 0,005 für RMsize). Das bedeutet: Es ist nicht zufällig, dass Katzen mehr mimikry, wenn sie sich mögen.

Noch interessanter war, welche Gesichtsbewegungen am häufigsten nachgeahmt wurden. Die Forscher erwarteten, dass Mundbewegungen am wichtigsten wären – schließlich sind Mundbewegungen bei Menschen und Primaten zentral für Mimikry. Aber bei Katzen war es anders: Ohrbewegungen waren die am häufigsten nachgeahmten Bewegungen. Speziell die Bewegungen EAD103 und EAD104 (Ohrenbewegungen) waren hochgradig anfällig für Mimikry.

Das ist ein faszinierendes Ergebnis, weil es zeigt, dass Katzen eine andere "Sprache" der Mimikry haben als andere Tiere. Katzenohren sind extrem ausdrucksstark – sie können sich unabhängig voneinander bewegen und zeigen viel über den emotionalen Zustand einer Katze. Wenn eine Katze die Ohren nach vorne dreht, zeigt das Aufmerksamkeit und Freundlichkeit. Wenn sie die Ohren nach hinten dreht, zeigt das Angst oder Aggression. Und wenn zwei Katzen miteinander spielen, ahmen sie diese Ohrbewegungen schnell nacheinander nach.

Die Forscher fanden auch, dass bestimmte Mundbewegungen (AU116, AU25, AU26) mit Spielverhalten verbunden waren und ebenfalls häufig nachgeahmt wurden. Das macht Sinn – Spielen ist eine der wichtigsten sozialen Aktivitäten für Katzen, und Mimikry hilft dabei, das Spiel zu koordinieren und Missverständnisse zu vermeiden.

Warum ist das wichtig?

Diese Ergebnisse haben mehrere Implikationen. Erstens zeigen sie, dass Katzen nicht so unabhängig und emotional distanziert sind, wie oft angenommen wird. Sie sind soziale Tiere, die aktiv an der Aufrechterhaltung ihrer Beziehungen arbeiten – durch Mimikry, Lautäußerungen und andere Verhaltensweisen.

Zweitens zeigen die Ergebnisse, dass schnelle Gesichtsmimikry eine universelle Sprache der Bindung ist. Sie wurde bei Primaten, Hunden, Pferden und anderen Tieren beobachtet. Jetzt wissen wir, dass Katzen sie auch haben. Das deutet darauf hin, dass Mimikry ein evolutionär altes Mechanismus ist – etwas, das sich über Millionen von Jahren entwickelt hat, um Tieren zu helfen, enge soziale Beziehungen aufzubauen und zu erhalten.

Drittens hat das praktische Implikationen für Katzenbesitzer und Tierheime. Wenn Du beobachten möchtest, ob zwei Katzen sich wirklich mögen, kannst Du auf ihre Gesichtsmimikry achten. Wenn sie häufig die gleichen Ohrbewegungen oder Mundbewegungen nacheinander machen, ist das ein Zeichen, dass sie eine echte Bindung haben. Das könnte bei Adoptionsentscheidungen in Tierheimen hilfreich sein – wenn zwei Katzen starke Mimikry-Muster zeigen, könnten sie gute Kandidaten für eine gemeinsame Adoption sein.

Die Komplexität der Ohren

Ein besonders faszinierender Aspekt dieser Studie ist die zentrale Rolle der Ohren. Die Forscher waren überrascht, dass Ohrbewegungen so viel häufiger nachgeahmt wurden als Mundbewegungen. Sie diskutierten mehrere mögliche Erklärungen.

Eine Möglichkeit ist, dass Ohren einfach ausdrucksstärker sind als Münder bei Katzen. Katzenohren können sich unabhängig voneinander bewegen und können eine breite Palette von Emotionen ausdrücken. Ein Katzenmundy kann sich öffnen und schließen, aber das ist weniger variabel.

Eine andere Möglichkeit ist, dass Ohrbewegungen schneller sind und daher leichter nachzuahmen sind. Wenn eine Katze ihre Ohren schnell nach vorne dreht, kann eine andere Katze das schnell nachahmen. Mundbewegungen sind möglicherweise langsamer oder subtiler.

Es gibt auch eine interessante alternative Erklärung: Ohrbewegungen könnten mit Geräuschen verbunden sein. Wenn zwei Katzen sich anschauen und Geräusche hören, könnten beide ihre Ohren in die gleiche Richtung drehen, um die Quelle des Geräusches zu lokalisieren. Das würde nicht wirklich Mimikry sein – es würde eher eine gemeinsame Reaktion auf die gleiche auditorische Reiz sein. Die Forscher überprüften dies, indem sie die Lautstärke der Umgebung während der Mimikry-Ereignisse analysierten, und fanden keinen signifikanten Unterschied. Aber sie weisen darauf hin, dass dieses Phänomen in zukünftigen Studien weiter untersucht werden sollte.

Grenzen und zukünftige Richtungen

Diese Studie hat einige Grenzen, die wichtig zu verstehen sind. Erstens wurden die Daten in einem Katzencafé gesammelt – einer Umgebung, die nicht ganz natürlich ist. Die Katzen waren in einem Rettungs- und Adoptionszentrum, was bedeutet, dass sie möglicherweise unter Stress standen. Das könnte ihre Mimikry-Muster beeinflusst haben.

Zweitens war die Stichprobe auf eine Umgebung beschränkt. Es ist unklar, ob Katzen in anderen Umgebungen – wie Haushalten oder Kolonien – die gleichen Mimikry-Muster zeigen würden.

Drittens war die automatisierte Gesichtserkennung nicht so genau wie die manuelle Kodierung. Das ist ein häufiges Problem bei der Verwendung von Künstlicher Intelligenz für Tierverhalten – die Technologie ist noch nicht perfekt.

Trotz dieser Einschränkungen ist die Studie bahnbrechend. Sie ist die erste, die systematisch schnelle Gesichtsmimikry bei Katzen untersucht hat. Und sie öffnet viele neue Fragen: Ahmen Katzen auch die Gesichtsausdrücke ihrer Menschen nach? Wie entwickelt sich Mimikry im Laufe einer Beziehung? Unterscheidet sich Mimikry zwischen verschiedenen Katzenrassen?